Keine Punkte, aber den Tabellenführer geärgert

06.11.2017

Es gab nicht nur diesen einen Moment im zweiten Satz, der Vital Heynen satte drei Minuten gab, seinem Ärger Ausdruck zu verleihen. In einer kuriosen, dritten „Auszeit“ von Bühl verlor der Headcoach von Friedrichshafen mehr und mehr an Gelassenheit und Format und produzierte sich in unnachahmlicher Weise, um klar zu machen, dass er not amused sei. Was war passiert?

Bei 18:13 für die Gastgeber erklang auf einmal der Buzzer, die Sirene, welche die Wechsel- und Auszeitanträge der Mannschaften signalisiert. Danach ging mehrere Minuten lang nichts mehr, nur ein zufrieden vor sich hin lächelnder Ruben Wolochin genoss sichtlich die Verrenkungen seines Kollegen auf der gegnerischen Seite. Letztendlich gab es keine Auszeit für Bühl, denn die Bisons hatten schon beide Optionen im zweiten Durchgang genutzt. Aber um den Frust von Heynen zu steigern, gab es auch keine Verzögerungskarte für die Bühler für den unberechtigten Antrag

Auf das Spielgeschehen hatte die Episode keinen echten Einfluss und Friedrichshafen machte nach einem wackligen ersten Satz alles richtig (25:21 / 25:19 / 25:19). Aber es zeigte einmal mehr die über das gesamte Spiel anhaltende Dünnhäutigkeit von Heynen und der Häfler im Kampf gegen die Bisons. Diese hatten sich vorgenommen, den „großen Meister“ vom Bodensee zu ärgern, und das gelang im Spielfeld und wie beschrieben auch daneben.

Natürlich wollte der Tabellenführer seine Weste sauber halten und ungeschlagen Spiel und Sieg n°4 der Saison einfahren. Jedoch erwischten die Gäste aus der Zwetschgenstadt den besseren Start. Wie von Wolochin in der Kabine gefordert, hatten sie vergessen, gegen wen sie spielten und legten los wie besagte Feuerwehr.
Außenangreifer Masahiro Yanagida - Spitzname „Hunter Masa“ - setzte den ersten Aufschlag des Spiels knapp ins Aus, danach machte aber Mittelblocker Mayaula erfolgreich Druck in der Mitte und nach zwei verschlagenen Angriffen der Häfler stand es 2:5 für die Stars vom Bodensee. Grund genug für Vital Heynen, die Reißleine zu ziehen und die erste Auszeit zu nehmen. Der Headcoach von Friedrichshafen hatte bereits in den ersten Minuten gestisch und mimisch seine massive Unzufriedenheit ob des missratenen Spielauftakts demonstriert.

Nach seiner Gardinenpredigt waren die Häfler wacher und das Spiel gewann an Fahrt. Kurze Schrecksekunde dann wenig später für das Bühler Team: Yanagida fällt nach einem Angriffsschlag zu Boden, einen Wimpernschlag später läuft ein Häfler Angreifer ins Netz. Doppeltes Glück für die Bisons: der japanische Spieler steht unverletzt auf und Bühl verbucht den Punkt für sich. Fortuna belohnte in der Folge das mutige Auftreten der Bisons und mit 6:8 gingen die Bühler in die technische Auszeit. Unverändert frech spielten die Bisons in der Folge immer wieder die Häfler aus und behielten auch in langen Rallyes die Oberhand.
So konnte das Spitzenteam vom Bodensee erst bei 12:11 die Führung herstellen und zeigte von nun an seine Qualitäten. Es folgte ein spannendes Angriffsduell zwischen beiden Teams und Bühls Mannschaftskapitän Yanagida machte seinem Spitznamen alle Ehre: allein 10 von insgesamt 13 Punkte machte der Jäger im ersten Durchgang. Dennoch war die Maschine Friedrichshafen jetzt am Laufen und lieferte ebenfalls Verwertbares für die Hausherren. Mit 16:14 gingen diese in die nächste technische Auszeit und bauten die Führung dann gar zum 20:16 aus. Immer wieder hielt Yanagida dagegen und nach einem erfolgreichen Block von Mittelblocker David Pettersson waren die Bisons wieder da, nur noch 21:19 für die Häfler.

Der furiose Ballwechsel zum 21:20 zeigte, dass die Bisons nicht aufgegeben hatten und um den ersten Satz kämpften: Libero Tomas Ruiz erläuft einen Ball kurz vor der LED-Bande in der Aufschlagszone und Außenangreifer Orthmann wehrt den nächsten Hammer der Häfler auf der kurzen Vier ab. Schmidgall spielt den Ball hauchdünn vom Netz entfernt wieder auf Orthmann. Dessen Angriff kommt zwar durch, wird aber von den Häflern abgewehrt und mit einem Lob in die Feldmitte der Bisons zurückgespielt. Doch Außen Tim Stöhr macht sich hinten in der Feldabwehr lang und erhechtet den Ball, der von Pettersson zu Orthmann gespielt wird. Letzterer versenkt dann die blaugelbe Murmel unhaltbar in der hinteren linken Ecke von Friedrichshafen und bringt damit Vital Heynen einmal mehr dazu, sich aufzuregen.
Bis auf 22:21 ließ der Meister vom Bodensee die Bisons nochmals rankommen, dann aber machten die Blauen konzentriert dem munteren Treiben der Bisons mit 25:21 ein Ende.

Ein völlig anderes Gesicht bot Friedrichshafen im zweiten Durchgang: Heynen hatte seinen Spielern „höchste Konzentration“ ins Gebetbuch hineingeschrieben. Auch die Aufschlagstaktik änderte sich und brachte die Bisons von Anfang an unter Druck. Gravierender noch: mit wiederholten Services auf den japanischen Punktejäger nahmen sie Bühl die wichtigste Waffe aus der Hand. Lediglich 3 Punkte konnte Yanagida in diesem Satz machen, dazu steuerte Mayaula weitere 4 Punkte bei. Die Häfler Angriffsmaschine um Zuspieler Simon Tischer machte es Bühl sehr schwer, zum Spiel des ersten Satzes zurückzukehren und so war es nicht verwunderlich, dass der VfB mit 8:4 in die technische Auszeit ging.
Auch in der Folge brachten die Bisons ihre Annahme nicht sauber nach vorne. Entsprechend schwierig war es für Schmidgall, verwertbare Pässe zu liefern und seine Angreifer zu bedienen. Ergebnis: Friedrichshafen baut den Vorsprung bis auf 16:9 aus.

Die technische Auszeit schien den Bisons gut getan zu haben. Yanagida machte den 10. Bühler Punkt mit einem Block Out, dann n°11 mit einem Aufschlagass und es folgte ein weiterer, wuchtiger Aufschlag des Japaners. Diesen konnte Friedrichshafen zwar noch im Spiel halten, aber der Dankeball lieferte die Vorlage für Mayaula, der den 12.Zähler holte. 16:12, war das die erhoffte Wende? Heynen brachte den Ex-Bühler David Sossenheimer, um die Annahme zu beruhigen. Aus Bühler Sicht leider erfolgreich, die Blauen zogen auf 18:13 davon.

Mit der anfangs beschriebenen, dreiminütigen „Sonder-Auszeit“ brachte Wolochin zwar Heynen aus der Ruhe, die VfB-Spieler hingegen wichen nicht mehr von der Zielgeraden ab. Pettersson steuerte noch einen Schnellangriff für Bühl bei, Schmidgall einen weiteren Punkt mit einem schönen Ableger, aber 23:18 für den Tabellenführer, das war schon die vorgezogene Satzentscheidung. Die konnte Diagonalangreifer Anton Qafarena mit seinem Punkt noch einen Tick herauszögern, aber der spätere MVP Athanasios Protopsaltis ließ nichts mehr anbrennen, 25:19 und damit 2:0 für den Bodensee.

Satz drei gestaltete sich anfänglich sehr ausgeglichen und bis 6:6 hielten die Bisons dagegen, bei 8:6 hatten sich die Häfler dann den ersten kleinen Vorsprung erkämpft. Mit einer sehr guten Abwehr hielten sie nun Yanagida im Schach und punkteten sich im Gegenzug bis auf 16:10 nach vorne.
Doch auch jetzt ließen sich die Bisons nicht hängen, um Qafarena herum baute Bühl sein Spiel wieder langsam auf. Unaufgeregt agierte der 20jährige Albaner und machte mit 7 Punkten in Satz 3 eine sehr gute Figur. Ob gegen den Häfler Block oder mit geschickt platzierten Angriffen in die Spielfeldecken, Qafarena fand immer wieder den Weg zum Punkt.

Dennoch: der VfB gab sich weiterhin sehr dominant, mit 21:16 ging es für die Blauen in den Endspurt. Diesen unterbrach dann Headcoach Heynen selbst. Nach der harten, aber regelkonformen Entscheidung, dass der zweite Wechselspieler von Friedrichshafen nicht die Wechselzone betreten habe und damit dieser Antrag abzulehnen sei, redete und gestikulierte sich Vital Heynen einmal mehr in Rage. Seinen vergeblichen Wutausbruch krönte er mit dem Empfang einer gelben Karte; ob Bisonscoach Wolochin auch hier schmunzelnd das Theater des Belgiers verfolgte, ist nicht überliefert.

Letztendlich war es auch nicht spielentscheidend, Friedrichshafen machte seinen 22.Punkt und Thilo Späth-Westerholt holte seinen Wechsel im zweiten Anlauf nach. Qafarena verbuchte noch zwei weitere Punkte für die Bisons, aber mit 25:19 und nach gut 80min setzte Friedrichshafens Zuspieler Simon Tischer den letzten erfolgreichen Block und beendete damit das Spiel.

Nach dem Spiel zeigte sich Bisonstrainer Ruben Wolochin durchaus zufrieden. Eine ordentliche Leistung habe seine Mannschaft abgeliefert, so der Argentinier. Und auch Geschäftsführer Manohar Faupel war angetan von der weiteren Steigerung des Teams. „Wir haben den VfB geärgert, das war ja unser Ziel. Die Bisons haben sich gut präsentiert, vor allem im ersten Satz, und vielleicht wäre der sogar drin gewesen. Aber unser Fokus liegt nicht auf einem gewonnenen Satz gegen den Tabellenführer, sondern auf dem Pokalspiel am kommenden Mittwoch in Giesen/Hannover. Und natürlich wollen wir mit einer Leistung wie heute in Rottenburg und gegen Solingen im Bühler Hexenkessel punkten. Mit dieser Entwicklung der jungen Truppe können wir optimistisch in die nächsten drei Spiele gehen, da brauchen wir uns nicht zu verstecken.“

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